
Prinzip
Zufall und Auswahl
JCself ermittelt Töne in einem iterativen Prozess. Jede Auswahl verändert die Wahrscheinlichkeit der nächsten.
Melodien werden wirklich
Wie virtuelle Teilchen tauchen Töne auf und verschwinden wieder. Wirklich wird nur, was Energie gewinnt – in JCself: Gewicht. Keine Melodie ist im Voraus festgelegt: Jeder Ton, der erklingt, verstärkt seinen Bereich und macht die nächsten wahrscheinlicher. Eine Melodie, die Gewicht sammelt, bleibt; was keins sammelt, verweht.
Der Komponist schreibt also nicht jeden Ton vor. Er bestimmt die Bedingungen, unter denen die Musik sich entwickelt. Mit denselben Einstellungen entsteht jedes Mal ein anderes Stück.
Zum Ausprobieren
Diese kleine Browser-Version zeigt, wie JCself rechnet. Blau ist der aktuelle Wert, rot der bislang häufigste, grün die Startfrequenz. Die rote Linie oben zeigt den Abstand zwischen aktuellem und häufigstem Wert. Aus ihm leitet die Browser-Version Notenlänge, Lautstärke und Stereoposition ab – eine vereinfachte Form dessen, was das Programm tut.
Wie JCself entscheidet
JCself teilt den Tonraum in schmale Bereiche. Jeder Bereich hat ein Gewicht, anfangs null. In jedem Durchlauf zieht JCself eine Anzahl zufälliger Tonkandidaten, die Population, und bewertet sie nach dem Gewicht ihres Bereichs, vermindert um einen Zufallsanteil. Aus den besten Kandidaten, der Auswahlmenge, wählt es einen aus. Dieser Ton verstärkt seinen Bereich und etwas schwächer dessen Nachbarn.
Je häufiger ein Bereich gewählt wurde, desto wahrscheinlicher wird er wieder gewählt. Die Verteilung der Wahrscheinlichkeiten entsteht also erst, während das Programm läuft. Im Zuge dieser Selbstorganisation bilden sich synergetische Strukturen: Ein Bereich setzt sich durch und wird zum Gipfel der Verteilung, andere wachsen heran und lösen ihn ab.
Der Komponist gibt nur die Rahmenbedingungen vor: Tonraum, Tondauern, Tonsystem, die Stärke von Zufall und Auswahl, Dynamik, Stimmen und Klang. Danach komponiert JCself eigenständig, und jedes Mal anders.
Vom Gewicht zum Ton
Jeder gewählte Wert ist eine Tonhöhe in Hertz. Die übrigen Eigenschaften des Tons ergeben sich aus seinem Gewicht und seiner Lage zum Gipfel:
- Dauer und Lautstärke entwickeln sich aus dem Zusammenspiel der Tonbereiche: Nachbarn stützen einander, weit entfernte bremsen einander, Klingen macht müde, Ruhe erholt. Wahlweise folgen sie direkt dem Gewicht – je öfter ein Ton gewählt wurde, desto kürzer und lauter klingt er.
- Stereoposition: Liegt der Ton über dem Gipfel, klingt er rechts, liegt er darunter, links; am Gipfel steht er in der Mitte.
- Stimmen: Am Gipfel – und am entferntesten Rand des Tonraums – können einen Ton die meisten Stimmen umgeben, beim halben Abstand die wenigsten.
- Akkord: Rein gestimmte Akkordtöne bilden sich selbst. In Ruhe sind es Oktave, Quinte und Terz, mit steigender Spannung Sexten, bei hoher Spannung Septimen, Tritonus und große Sekunde.
Erreicht die Hauptstimme einen Gipfel zum ersten Mal, kann JCself darauf reagieren: mit einer Tonfolge in gleichen Schritten, der Wiederholung eines Motivs oder einer Transposition. Eine zusätzliche Melodiestimme wechselt an diesen Stellen ihren Ton. Im Duett und im Trio regen mehrere solcher Felder einander mit ihren Gipfeln an.
Auch seine Form bildet das Stück selbst: Die bespielten Gegenden verwehen, und es klingt aus, wenn nichts mehr nachwächst. An seiner eigenen Erregung kippt es zwischen verdichteten und gelösten Phasen, nach jeder Phrase holt es Atem, und ein Zuhörer, der nichts kennt als dieses Stück, hört mit – seine Überraschung und seine Langeweile lenken die Phasen, sein Ohr erwartet, dass eine Linie weitergeht, und er erkennt ein Motiv wieder, das zurückkehrt. Wer will, zeichnet eine Erregungslandschaft oder gibt einen Text ein, dessen Sätze mit ihrer Prosodie – Länge, Betonung, Atem – den Verlauf vorgeben; die Töne wählt JCself auch dann selbst. Alles das steht im Reiter „Form“ der Anleitung.
Die Anzeige
Während JCself komponiert, zeigt es oben im Fenster die Gewichtsverteilung über dem Tonraum. Sie ist normalisiert: Der höchste Wert reicht immer über die volle Höhe.

- Fläche
- die Gewichtsverteilung.
- Strich mit Dreieck
- der gerade gewählte Ton.
- Ockerfarbener Punkt
- der Gipfel, die Stelle des höchsten Gewichts.
- Offenes Dreieck
- die Startfrequenz.
Beim Anhören läuft die Anzeige mit und zeigt die klingenden Töne und Akkorde. Wahlweise staffelt eine dreidimensionale Ansicht die Verteilungen der letzten Durchläufe hintereinander.
Was JCself erzeugt
JCself schreibt jedes Stück als Csound-Datei: eine einzige Datei mit Instrumenten und Partitur für das Klangsyntheseprogramm Csound, die sich weiterbearbeiten lässt. Anhören können Sie direkt im Programm – mit den MIDI-Klängen von Java, mit Csound (eigens gebaute Klänge, der Klang aus der Komposition selbst und Orchesterinstrumente aus den Aufnahmen der VSCO-Bibliothek, die nach den Werten der Komposition spielen), mit einer eigenen Aufnahme, etwa einem Gong, oder mit externen Instrumenten wie SWAM und VSCO. Speichern lässt sich das Ergebnis als Csound-, MIDI- oder WAV-Datei und als Noten (MusicXML).
Alle Einstellungen und was sie bewirken, beschreibt die Anleitung.